Paul Höfers „Feldzug des Germanicus“ auf Google Maps

Es ist ein Klassiker der Germanicus-Forschung: „Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr.“ von Paul Höfer aus dem Jahr 1885. Die Arbeit ist als Reproduktion im Buchhandel erhältlich.1 Die Stationen des großen Feldzuges, wie Höfer ihn interpretierte, sind nunmehr auf Google Maps (s.u.) nachvollzogen.

Naturgemäß müssen nach 130 Jahren viele der Ergebnisse Höfers als überholt gelten. Dennoch findet der Leser eine überaus lesenswerte und unkonventionelle Darstellung vor, insbesondere der Schlacht von Idistaviso. Bemerkenswert auch, dass Höfers Idistaviso-Interpretation durch drei Forschungsergebnisse aus neuerer Zeit bestärkt wird: Durch die Deutung des Namens „Idistaviso“ durch Ritter-Schaumburg, die Entdeckung des Lagers bei Barkhausen und die Parallelen zur Schlacht am Harzhorn.

Der große Feldzug des Jahres 16 n. Chr.

Paul Höfer zeichnet folgende Ereignisse nach:

  1. Nach Anlandung an der Ems-Mündung (nicht auf der Karte eingezeichnet) erfolgt der Marsch nach Minden, vermutlich über eine nördliche Route (Cloppenburg, Schweringen) (Höfer, 28).
  2. Der Anmarschweg über eine südliche Route (Bramsche) ist weniger wahrscheinlich; diese Route markiert jedoch den Rückweg des Heeres (Höfer, 29).
  3. Germanicus lässt ein Lager links der Weser bei Minden errichten („Minden“ ist evt. abgeleitet von „munitio“, Lager – Höfer, 59). Auf der Karte angegeben ist das Lager Barkhausen. Es wurde 2008 entdeckt und war Höfer somit nicht bekannt. Es passt jedoch gut zu den Überlegungen Höfers bzgl. des Lagerstandortes (Höfer, 31).
  4. Die germanischen Truppen zeigen sich auf dem rechten Weserufer. Eine Schlacht ist jedoch nicht geplant. Diese soll erst einen oder mehrere Tage später stattfinden (Höfer, 31).
  5. Römische und batavische Reiter überqueren die Weser, um den geplanten Übergang des Heeres abzusichern. Die Bataver unter Chariovalda geraten in einen Hinterhalt (nicht näher spezifiziert) (Höfer, 31).
  6. Nachdem die Germanen scheinbar nach Osten abgezogen sind, überquert Germanicus die Weser mit einem Teil seiner Truppen zu Aufklärungszwecken; sofortige Rückkehr, als germanische Informanten berichten, dass Arminius unbemerkt die Weser überquert und heimlich den westlichen Teil der Weserpforte, den Wittekindsberg, besetzt hat und das römische Lager überfallen will (Höfer, 51/52).
  7. Die Angriffsstellung der Germanen auf dem Wittekindsberg. Geplant war ein Überfall auf die Lagerbesatzung, sobald das römische Hauptheer nach Osten abmarschiert wäre. Die germanischen Reiterei, die auf dem rechten Weserufer verblieben war, sollte dieses Hauptheer möglichst weit von Minden weggelocken.
    Die List misslang wegen germanischer Informanten. Das Fehlen der germanischen Kavallerie beim Wittekindsberg sollte sich am Schlachttag als sehr nachteilig erweisen.
  8. Die Elite der römichen Reiterei („validissimi“) erklimmt, vermutlich abgesessen, im Schutze der Dunkelheit den Wittekindsberg und bedroht am Morgen die Westflanke der Germanen (Höfer, 48)
  9. Die restliche Reiterei unter Stertinius umreitet in der Nacht den Wittekindsberg im Westen, vielleicht bei Wallücke („walah“: Römer/Fremder, „luoc“: Versteck), um am Morgen im Süden Arminius‘ zu stehen (siehe Punkt 10) (Höfer, 57).
  10. Bis zum Morgen ist Stertinius nach Osten vorgerückt, um die Germanen im Süden zu umfassen. Das Fehlen der germanischen Reiterei machte sich bemerkbar; diese hätte Stertinius‘ Manöver sicherlich unterbinden können (Höfer, 48).
  11. Das römische Heer greift am Morgen durch den Wald bergauf an. Weil die Römer ihre Schlachten lieber in unbewaldeten Ebenen schlagen, ermutigt Germanicus seine Truppen vor der Schlacht mit dem Hinweis, dass die römische Bewaffnung durchaus Vorteile im Wald biete gegenüber der der Germanen (Höfer, 54).
  12. Arminius hat die Umgehung seines linken Flügels erkannt. Er steigt vom Wittekindsberg herab und stellt sich in der Ebene zum Kampf, um nicht auch den rechten Flügel zu verlieren und vollständig eingekreist zu werden (Höfer, 55).
  13. Nach Heinz Ritter-Schaumburg leitet sich „Idistaviso“ von „In den Stauwiesen“ ab2; diese Deutung war Höfer nicht bekannt, der beim Namen des Schlachtortes im Dunkeln tappte (Höfer, 60). Arminius hätte also mit dem Abstieg vom Wittekindsberg die Schlacht in die „Stauwiesen“, also das Überschwemmungsgebiet der Weser verlagert – eine Deutung, die Höfer sicherlich sehr zugesagt hätte.
  14. Vermutliche Uferlinie: Die Weser war früher breiter, das Weserufer lag näher am Wittekindsberg als heute.
  15. Teile der Germanen fliehen aufeinander zu: Von der Ebene in den schützenden Wald (vor den römischen Verbänden, die nunmehr auch auf den Stauwiesen nach Süden vorrücken), zugleich vom Berg herab in die Ebene (vor den Angreifern auf dem Bergkamm). Allerdings erkennt Höfer in der zweiten Bewegung keine Flucht, sondern den germanischen Angriff auf das römische Heer in den Stauwiesen (Punkte 12 und 16) (Höfer, 49).
  16. Ein heftiger Stoß des germanischen Angriffskeils, angeführt vom blutverschmierten Arminius, durchbricht die römischen Reihen bis zu den hinten postierten Hilfsvölkern, kann die Schlacht jedoch nicht mehr wenden. Eine Umklammerung wird immerhin verhindert, dem Gros des germanischen Heeres wird das Absetzen über die Weser (siehe Punkt 17) ermöglicht.
  17. Germanen drängen den Abhang hinab nach Südosten zur Weser, um sich über den Fluss zu retten. Geschosse, Strömung und abrutschende Ufer (vielleicht Steinschlag) führen zu Verlusten (Höfer, 50).
  18. Arminius sammelt möglicherweise bei Babilonie (dem Stammsitz des Arminius?) die germanischen Truppen nach der Schlacht und zieht nach Osten, um den „Angrivarierwall“ zu bemannen (siehe Punkt 21) (Höfer, 62).
  19. Der Oberlauf der Hunte (hier dargestellt bis zum Dümmer), alte Bezeichnungen „Angelbeke“ oder „Angar“, verlieh den Angrivariern die Stammesbezeichnung. Sie hatten um die obere Hunte ihr Kerngebiet (Höfer, 74/75).
  20. Der damalige Verlauf des Flussufers der Hunte bzw. eine Moorgrenze beengte den Hellweg. Durch diese Engstelle müssen die Römer ziehen – aber warum? Warum hat Germanicus nach seinem Sieg bei Idistaviso nicht das Gebiet der Cherusker verwüstet? Warum ist er nicht weiter bis zur Elbe, dem großen Ziel, vorgedrungen? Warum hatte er es im Gegenteil offenbar eilig, in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren? Der Sieg bei Idistaviso war offensichtlich nicht vernichtend für die Germanen. Im Gegenteil, auch andere Stämme begehren auf, die rückwärtigen Versorgungslinien werden bedroht – das Heer des Germanicus muss schleunigst umkehren (Höfer, 73).
  21. Ein Wall, der so genannte „Angrivarierwall„, errichtet an der Grenze zwischen Angrivariern und Cheruskern, sperrt den Hellweg nach Bramsche (Höfer, 79).
  22. Cherusker und Angrivarier besetzen den Wall.
  23. Germanicus führt die römischen Verbände gegen den Wall; dieser Angriff (später unterstützt durch Pfeilkatapulte) dient jedoch lediglich dazu, die gleichzeitig stattfindende Umgehung des rechten Flügels der Germanen (siehe Punkt 24) zu verschleiern.
  24. Teile der Römer umgehen den rechten Flügel des Walles und greifen die Verteidiger von der Seite aus an (Höfer, 77/78). Die Platzierung der römischen und germanischen Reiterei – letztere hätte eigentlich die Aufgabe gehabt, eine Umgehung des Walles zu unterbinden – bleibt bei Höfer unklar.
  25. Nach dem Durchbruch stoßen die Römer nach Westen vor und errichten bei Wahlburg ein Lager (S. 80). Danach geht es ohne weitere berichtete Schwierigkeiten zurück zur Ems.
  26. Der Volksmund kennt eine sagenhafte große Entscheidungsschlacht zwischen „Wittekind/Widukind“ (in Wahrheit Wico = Arminius) und „Karl dem Großen“ (fälschlich für Varus oder Germanicus gesetzt) zwischen Engter (26b) und Damme (26c) (Höfer, 72); Höfer bezweifelt den Gehalt der Überlieferung – doch wie wir heute wissen, liegt zwischen diesen beiden Punkten das Schlachtfeld von Kalkriese!
Harzhorn: Parallelen zu Höfers Idistaviso

Die Schlacht am Harzhorn wurde gut 200 Jahre nach Idistaviso geschlagen. Höfer konnte sie nicht kennen, weil das Schlachtfeld erst 2008 entdeckt wurde. Dennoch gibt es Parallelen zu Höfers Idistaviso:

  • Am Harzhorn griffen die Germanen vom Berg herab an, allerdings kein Lager, wie bei Höfers Idistaviso, sondern einen Tross.
  • Die Römer hielten beide Male mit offensivem Vorgehen dagegen und griffen durch den Wald bergauf an.
  • Der Gegenangriff am Harzhorn zwang die Germanen, sich immer weiter den Bergkamm hinauf zurückzuziehen; bei Idistaviso führt zwar Arminius im Gegenteil seine Kämpfer vom Berg herab in die Ebene, eine Fluchtbewegung der Germanen hinauf hat es jedoch auch dort gegeben.
  • Beim Harzhorn werden die Germanen auf dem Bergkamm eingekreist; auch bei Höfers Idistaviso versuchen die Römer, den Berg von allen Seiten zu umfassen.

Die Römer präferierten zwar die Schlacht in der unbewaldeten, trockenen Ebene, scheuten aber nicht davor zurück, den Kampf in Wäldern und Berghängen zu suchen, wenn es notwendig war – ganz so, wie es Tacitus berichtet hat (Ann. II 5 und II 14) und wovon Paul Höfer ausgeht.

Vielleicht steckt in der über 100 Jahre alten Schrift – bei allen mittlerweile überholten Schlüssen – doch mehr als nur das eine oder andere Körnchen Wahrheit. Lesenswert ist der Klassiker Paul Höfers allemal auch heute noch.

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1 Paul Höfer, Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr., Bernburg und Leipzig 1885; Reproduktion Ulan-Verlag (o.J., o.O).
2 Heinz Ritter-Schaumburg, Hermann der Cherusker, Wiesbaden 2008, S. 213

Autor: Bernd Preiss

Bernd Preiß, M.A., Jahrgang 1966, Studium der Mittleren und Neueren Geschichte in Erlangen und Regensburg.

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